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Der Kristall
Ein Glas voll Alaun, in Wasser gelöst,
Ein Faden darin, ganz leise bewegt,
Am Anfang des Fadens die Hand, die ihn hält
In einer noch schlafend kristallenen Welt,
Darüber des Forschers ernstes Gesicht,
Und über dem allem der Sonne Licht...
Minuten verinnen im stillen Gemach,
Die eine läuft hurtig der anderen nach.
Die Uhr an der Wand dort macht zögernd ein Tick,
Verhält sich der Atem und schwingt zurück,
Und zwischen dem Tick und zwischen dem Tack ,
Da wandert ein Völklein mit Sack und Pack
Im Glas Alaun auf das Fädelein zu
Und baut die Kristalle in schweigender Ruh.
Mit Ecken und Kanten in scharfen Gemäß
Erschafft das Atom den Kristall im Gefäß...
So rein der Kristall und die Lauge so trüb,
Im Dunkel die Kraft und im Dunkel der Trieb,
Des Gesetzes Warum,
Die Form um und um,
Das macht den Gelehrten so heiß und so stumm –
Er denkt und er denkt und versinket in sich:
„Hat der Kristall ein Leben wie ich?“
Und auch der Kristall sieht über sich auf
Und schauet des Forschers blitzendes Aug –
Er denkt und er denkt und versinket in sich:
„Hat denn dieses Ding ein Leben wie ich?“
Vom Herrgott darüber ein lächelnder Blick –
Da machet die Uhr das vergessene Tick.

Fritz Müller